Nacherzählt (26)

Veröffentlicht auf von Gigi

 

 

Nacherzählt (26)

Hein Zappel :-))

Lager des Feindes

Beim roten Schein der Fackel sah ich, dass die Piraten im Besitz des Blockhauses und der Vorräte waren. Von Gefangenen sah ich aber keine Spur. Ich musste annehmen, dass alle meine Kameraden zugrunde gegangen waren.

Von den sechs Piraten, die noch am Leben geblieben waren, waren fünf auf den Beinen. Der sechste sah leichenblass aus und hatte einen blutbefleckten Verband um den Kopf. Der Papagei saß auf der Schulter des langen John und putzte seine Federn.

Nacherzählt (26)Silver sagte: "So, da ist also Jim Hawkins ! Einfach so zu uns verirrt, he ? Na dann komm, es freut mich, dich zu sehen !" Damit setzte er sich und stopfte seine Pfeife. "Nun, Jim, dass du ein gescheiter Junge bist, habe ich schon damals gemerkt, als ich dich zum ersten Mal sah. Aber das hier kann ich doch nicht ganz begreifen."

Man kann sich denken, dass ich darauf keine Antwort gab.

Silver zog gelassen an seiner Pfeife und setzte seine Rede fort: "Nun hör mal zu, Jim. Wenn du schon einmal hier bist, will ich dir offen sagen, was ich denke. Ich habe dich immer gern gesehen und hatte gehofft, du schließt dich uns an. Nun wird dir gar nichts anderes übrig bleiben, denn Kapitän Smollett ist sehr auf Disziplin aus. Er und der Doktor wollen nichts mehr von dir wissen. Der Doktor sagte, dass du ein undankbarer Tropf bist. Die Geschichte ist also die, dass du nicht mehr zu deinen eigenen Leuten zurückgehen kannst, denn sie wollen dich nicht haben. Wenn du nicht mit dir allein eine dritte Mannschaft gründen willst, die sich heraushält, dann musst du dich Käpt'n Silver anschließen."

Ich war beruhigt, dass meine Freunde am Leben waren und Silvers Behauptung, dass mir die Kajütenpartei wegen meiner Flucht zürnte, glaubte ich nicht ganz.

Silver fuhr fort: "Ich will gar nicht davon reden, dass du in unserer Hand bist. Wenn es dir bei uns gefällt, gut, dann kannst du dich uns anschließen. Ist das nicht der Fall, Jim, dann kannst du frei und unbekümmert nein sagen. Es drängt dich niemand. Überleg es dir gut." Seine ganze Rede klang höhnisch.

Ich überwand meine Angst und fragte mutig: "Schön, wenn ich wählen soll, dann habe ich auch ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen ist, warum ihr hier seid und wo sich meine Freunde befinden."

Silver wandte sich in freundlichem Ton an mich: "Gestern morgen in aller Frühe kam Doktor Livesey mit einer Parlamentärflagge herunter. ‚Kapitän Silver', sagte er, ‚mit Euch ist es aus. Das Schiff ist verschwunden.' Keiner von uns hatte auf dem Ausguck gestanden und nun schauten wir hinaus. Zum Donnerwetter, das alte Schiff war verschwunden ! Ich habe nie einen Haufen Narren gesehen, der dümmer schaute. ‚Also', sagte der Doktor, ‚wir wollen verhandeln.' Dann haben wir verhandelt, er und ich, und sind so verblieben: Vorräte, Schnaps, Blockhaus, Brennholz gehören jetzt uns. Was sie anbelangt, so sind sie abgezogen; ich weiß nicht wohin.

Und damit du nicht etwa denkst, dass du in den Vertrag eingeschlossen bist, will ich dir die letzten Worte wiederholen, die gesprochen wurden. ' Wie viele seid ihr', fragte ich ihn, 'die das Blockhaus verlassen ?' ‚Vier' ,sagte er, ‚vier, und einer von uns ist verwundet. Wo der Junge steckt, das weiß ich nicht. Er soll zum Teufel gehen, mich kümmert er nicht mehr. Wir haben genug von ihm.' "Ist das alles ?", fragte ich.

"Ja, das ist alles, was du hören sollst, mein Sohn", erwiderte Silver.

"Und jetzt soll ich also wählen ?"

"Und jetzt sollst du wählen. Das ist sicher", antwortete Silver.

"Gut", sagte ich, "ich bin kein solcher Narr, dass ich nicht wüsste, was ich zu erwarten habe. Ich habe zu viele sterben sehen, seit ich mit Euch unterwegs bin. Aber es gibt da noch ein paar Dinge, die ich Euch sagen möchte. Ihr befindet Euch in einer schlechten Lage. Das Schiff ist verloren und ebenso der Schatz, und viele Eurer Männer sind tot. Euer ganzes Unternehmen ist gescheitert. Und wenn Ihr wissen wollt, wer es getan hat - ich war es !

Ich saß in jener Nacht, als wir Land gesichtet hatten, im Apfelfass und belauschte Euch, John, und Euch, Dick Johnson, und Hands, der jetzt auf dem Grund des Meeres ruht. Jedes Wort, das ihr gesprochen habt, habe ich weitererzählt, noch ehe eine Stunde vergangen war.

Was den Schoner anbelangt, so habe ich das Ankertau gekappt, und ich war es, der die Männer an Bord getötet hat, und ich war es, der das Schiff dorthin brachte, wo ihr es nie finden werdet. Ich fürchte euch nicht mehr als eine Fliege. Tötet mich, wenn es euch gefällt, oder verschont mich.

Aber eines will ich euch noch sagen: Wenn ihr mich am Leben lasst, dann soll Vergangenes vergangen sein, und wenn ihr Kerle wegen Seeräuberei vor Gericht stehen werdet, dann will ich euch alle retten, wenn ich es kann. Es ist an euch zu wählen. Tötet noch einen, und ihr schadet euch selbst. Verschont mich, und ihr erhaltet euch einen Zeugen, der euch vom Galgen retten wird."

Nacherzählt (26)Keiner der Männer rührte sich. Sie saßen wie die Schafe da und starrten mich an.

"Eins will ich dazu sagen", rief der alte Seemann - Morgan war sein Name -, den ich in der Wirtschaft des langen John in Bristol gesehen hatte. "Er war es, der den Schwarzen Hund erkannt hat."

Der Schiffskoch fügte noch hinzu: "Es war dieser Junge, der Billy Bones die Karte geklaut hat. Von Anfang bis zum Ende stoßen wir auf Jim Hawkins."

"Dann also vorwärts !", sagte Morgan mit einem Fluch. Er sprang auf und schwang sein Messer.

"Zurück da !", schrie Silver. Wer bist du eigentlich, Tom Morgan ? Vielleicht denkst du, dass du hier Käpt'n wärst Bei allen Teufeln, ich werde dich eines Besseren belehren ! Komm mir in die Quere, und du wirst dorthin gehen, wo schon viele gute Männer vor dir hingegangen sind, damals wie heute. Mir hat noch keiner widersprochen und sich nachher noch seines Lebens gefreut."

Morgan war darauf ganz still, aber von den anderen hörte man ein raues Gemurmel.

"Tom hat recht", sagte einer. "Ich bin lange genug geschliffen worden von so einem Kerl", fügte ein anderer hinzu. "Ich will hängen, wenn ich es mir von dir gefallen lasse, John Silver."

"Wünscht vielleicht einer von euch Herren mit mir anzubinden ?", brüllte Silver. "Sagt, was ihr wollt ! Wer etwas will, soll es bekommen. Wer Mut hat, nehme ein Entermesser, und ich werde mir sein Inneres betrachten, noch bevor diese Pfeife ausgebrannt ist - trotz meiner Krücke!"

Keiner der Männer rührte sich, und keiner gab eine Antwort.

"So seid ihr also !", fuhr er fort. "Ihr seid ein hübscher Haufen zum Anschauen, aber zum Kämpfen taugt ihr nicht. Wenn ihr nicht kämpfen wollt, dann müsst ihr gehorchen ! Ich mag diesen Jungen. Ich habe nie einen besseren Jungen als ihn gesehen. Er ist eher ein Mann als so ein paar Ratten wie ihr. Und ich sage euch dies: Ich will den sehen, der Hand an ihn legt - das wollte ich sagen, und ihr könnt Gift drauf nehmen."

Darauf folgte ein langes Schweigen. Ich stand aufrecht an der Wand, und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer.Nacherzählt (26) Silver lehnte an der Wand, die Arme verschränkt und seine Pfeife in einem Mundwinkel. Er war ruhig, aber seine Augen beobachteten seine aufsässigen Genossen. Diese zogen sich in die entgegen gesetzte Ecke des Blockhauses zurück, und ich hörte das leise Zischeln ihres Geflüsters. Ihre Blicke galten immer wieder Silver.

"Ihr habt scheinbar eine Menge zu reden", bemerkte Silver und spuckte in die Höhe. "Fangt an und lasst' s mich hören, oder macht Schluss damit!"

Einer der Männer erwiderte: "Diese Mannschaft ist unzufrieden. Diese Mannschaft schätzt es nicht, wenn man ihr droht. Diese Mannschaft hat wie jede andere ihre Rechte. Nach Euren eigenen Regeln dürfen wir miteinander reden. Ich erkenne an, dass Ihr zur Zeit Kapitän seid, aber ich verlange mein Recht und gehe nach draußen um zu beraten."

Der Bursche salutierte, ging ruhig zur Tür und verschwand aus dem Haus. Die Übrigen folgten einer nach dem anderen. Jeder salutierte, als er hinausging und fügte irgendeine Entschuldigung dazu.

Silver und ich waren allein. "Aufgepasst jetzt, Jim Hawkins", begann er in einem ruhigen Flüsterton, den man kaum hören konnte, "du stehst mit einem Bein im Grab, und was noch schlimmer ist, vor der Folter. Sie wollen mich absetzen. Aber merk dir, ich halte zu dir, durch dick und dünn. Das hatte ich nicht vor, bevor du gesprochen hast. Ich war verzweifelt, dass ich all das Gold verlieren und dazu noch gehängt werden sollte. Aber ich erkannte, dass du der richtige Kerl bist, dass ich zu dir halten werde und du zu mir. Ich rette meinen Zeugen und er rettet mir den Hals."

Langsam begann ich zu verstehen. "Ihr glaubt, es ist alles verloren ?", fragte ich.

"Ja, zum Henker, das glaube ich", antwortete er. "Schiff verloren, Hals verloren - das ist die Lage. Als ich über die Bucht schaute und den Schoner nicht mehr sah, da habe ich aufgegeben. Und diese Bande da, mit ihrer Beratung, das sind alles Narren und Feiglinge. Ich werde dein Leben vor ihnen retten, wenn ich es kann. Aber, Jim, dafür rettest du den langen John vor dem Galgen."

Ich war vollständig verwirrt. "Ich werde tun, was ich kann", sagte ich.

"Das ist abgemacht !", rief der lange John. Du trittst für mich ein, und, zum Teufel, ich habe eine Chance ! Du musst mich verstehen, Jim. Ich stehe jetzt auf der Seite des Barons. Ich weiß, dass du das Schiff sicher irgendwo untergebracht hast. Ich weiß nicht, wie du das angestellt hast, aber es liegt sicher. Ich sehe dir an, dass du etwas taugst. Jim, wir beide hätten noch viel Gutes zusammen schaffen können. Jim, es wird Ärger geben. Und da wir gerade von Ärger sprechen: Warum hat mir wohl der Doktor die Karte gegeben?"

Mein Gesicht zeigt mein Erstaunen.

"Ja, das hat er getan, trotz allem", sagte er, "und da steckt ohne Zweifel etwas dahinter, Schlechtes oder Gutes." Er trank einen Schluck Kognak und schüttelte dabei seinen Kopf wie ein Mann, der sich auf das Schlimmste gefasst macht.

 

 

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Vom Kapitän

 

 

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